Wann verjährt der Tod? / When does death expire?

by MaryCronos

Wann verjährt der Tod?

Hä?

Was für eine absurde Frage!, denkt vielleicht der eine oder die andere. Das Leben endet mit dem Tod (so mehr oder weniger, je nach Ansicht – in jedem Fall endet das Leben, so wie wir es kennen). Aber wann endet der Tod? Gibt es für ihn ein Ende, eine Verjährungsfrist? Und gilt die nur für uns, für die hier auf der Erde das Leben weiter geht oder auch für die, die von uns gegangen sind?

2015-05-23 11.42.57Mir schossen diese Fragen gestern durch den Kopf, als ich mit meiner Mutter das Grab meines Vaters besuchte. Die Sonne schien, der ganze Friedhof war in ein saftig grünes, lebendiges Kleid gehüllt. Ein Ort also, der gar nicht so tot wirkte, wie man meinen sollte. Es war auf eine seltsame Weise schön, dort zu sein und sich um das Grab zu kümmern. Die frühlingshaften Veilchen wichen Margeriten, der weiße Stein wurde poliert, dann brachte ich alle Reste zu einem Korb für Grünabfälle und da sah ich ihn. Direkt vor mir. Zwischen zwei inzwischen ziemlich großen Zierbüschen, dem Grünabfallbehälter und den Gießkannen. Einen alten Grabstein. Er war umgefallen, von Sand und vertrockneten Blättern bedeckt und auch sonst durch Natur und Mensch stark in Mitleidenschaft gezogen. Das war der Moment, in dem eine leise Stimme in meinem Kopf flüsterte „Wann verjährt der Tod? Wie konnte der Stein mit seiner Geschichte und dem, wofür er stand, so in Vergessenheit geraten?“.

Ich lief noch einige Male am Stein vorbei – um Wasser zu holen, Gießkannen zurück zu bringen und ähnliches. Und jedes Mal blieb ich etwas länger vor dem alten Stein stehen. Können einem Steine leid tun? Es fühlte sich für mich beinah so an. Ich machte andere Besucher auf den Grabstein aufmerksam, als sie ihre benutzten Gießkannen darauf abstellen wollten. Alle waren beinah erschrocken, in jedem Fall verlegen, keiner von ihnen hatte bemerkt, dass es sich um einen Grabstein handelte. Kein Wunder, wo seine Inschrift doch kaum noch zu lesen war. Ich nutzte ein paar trockene Zweige und fegte den Dreck weg. Ein paar Minuten später goss ich auch noch Wasser über den Stein und plötzlich hatte er wieder einen Namen – zwei sogar – und eine Botschaft. „Hier ruhen in Frieden…“ Irgendwie fühlte ich mich, als hätte ich zwei Menschen nachträglich etwas zu ihrem Recht verholfen.

Mir ist bewusst, dass es Friedhofsordnungen gibt, nach denen Grabstellen nach einer bestimmten Zeit geräumt werden – beispielsweise wenn sich niemand mehr um das Grab kümmert. Dennoch. Das Grab existierte schließlich noch. Der Stein war noch da! Und doch war er zu einer einfachen Steinplatte zwischen Müllkübel, Gießkanne und Gebüsch geworden. Vergessen.  Gestern hat jemand wieder an die zwei Menschen gedacht, die im ausgehenden 19. Jahrhundert dort beerdigt worden waren. An das Ehepaar, das kurz nacheinander starb und so im Tod wieder vereint war. „Bis dass der Tod uns scheidet“ muss eben nicht immer stimmen. Und für die Momente, in denen er Menschen wiedervereint, wünsche ich mir, dass er mit allem, was nach ihm kommen möge, ewig währt. So ewig wie ein Stein, der die Jahrhunderte überdauert und immer wieder seine Geschichte erzählt – egal wie verborgen sie auch sein mag.

Vielleicht verändert es auch das eigenen Bewusstsein, wenn man selbst einen großen Verlust erlebt. Vielleicht blickt man dann anders auf den Tod. Vielleicht erweist man ihm dann eher Respekt. Für mich hat Respekt vor dem Tod auch etwas mit Respekt vor dem Leben zu tun. Wem bewusst ist, wie schnell der Tod das Leben ablösen kann, der möchte jedem einzelnen Tag ein besonderes Gewicht verleihen. Sei es, ein Stück Vergangenheit aus seinen Schatten befreien – an einem Grabstein auf einem Friedhof – oder einem anderen zu helfen, einen Schritt in Richtung Zukunft zu wagen. Ich finde, das schließt sich nicht aus. Und den Blick nach vorn zu richten bedeutet nicht, dass man nicht mit Achtung auf die Vergangenheit zurückblicken sollte – sei es die eigene oder die anderer.

An Pfingsten blicke ich auf viele Menschen zurück, die meinen Weg bereichert haben, aber heute nicht mehr mit mir gehen. Menschen, die darauf angewiesen sind, dass jemand ihr Andenken wahrt, ihr Grab pflegt. Sie waren Begleiter, Vertraute, Ratgeber, Freunde, Familie und sind zu Pfingsten gegangen. Ich blicke zurück. Erinnere mich an unsere gemeinsame Geschichte und sage mir einmal mehr, dass das beste Andenken ist, mich selbst aufrecht zu halten und meine Geschichte zu erzählen – unsere Geschichte – und tapfer durchzuhalten, auch wenn mich andere nicht erkennen, meine Geschichte nicht hören wollen oder mich der Staub des Alltags einhüllt.

In diesem Sinne: Ich wünsche Euch ein gesegnetes Pfingstfest! Auf dass ein jeder von Euch denen ein strahlendes Denkmal ist, die nicht mehr selbst strahlen können.


 

When does death expire?

Ha?

IMG_0607What a silly question!, may some people think. Life ends with death (more or less, depending on our belief – at least let’s say: life like we know it ends with death). But when does death end? Is there an expiration date for death? And would it be about us, caring no longer, or about those who left too?

These questions came into my mind when I visited – together with my mother – my fathers grave yesterday. The sun was shining and the whole cemetery was covered in lively green. A beautiful place that had nothing about death. Somehow I enjoyed being there and taking care of my father’s grave. The horned violets changed into white and purple marguerites, the white stone became polished and then I brought the waste to its container. That was the moment when I saw it. Directly in front of me. Hidden between old, huge bushes, a waste container and some watering cans… an old grave stone. He was laying on the ground, tumbled down many years ago, covered by dirt and dry leaves and beaten by weather, nature and human. In that moment I heard a low voice whispering „When does death expire? How could a grave stone with its history and meaning be forgotten?“

During my time at the cemetery I walked by the stone several times – to get water, to bring back the watering can etc. Every time I stopped next to the stone and every time I stopped a bit longer than before. Can you feel sorry for a stone? Somehow, I think, I did. I mentioned the stone to other visitors of the cemetery, when they were going to put their watering cans on top of the stone. They all were shocked or at least embarrassed and asserted, that they were not aware of the stone as a grave stone.  No wonder, since the inscription was nearly unreadable. I used some dry sprigs to clean up the stone. A few minutes later I also used water und suddenly the stone got its name back – well, two names – and its message: „Rest in peace…“ Somehow I felt like someone who retrospectively helped two people to assert their rights.

For sure I know that there are rules and laws in Germany about when a grave will get suspended – for example if no one is left to take care about the grave. But still… That grave still existed. The grave stone still existed. But it became a simple stone, covered by bushes, dirt, waste containers and watering cans. Lost and forgotten. Yesterday there was someone who thought about these two people, who bcame buried in the late 19th century. They died shortly after each other, reunited by death. „Till death us do part“ doesn’t always fit. And for those moments when death reunites people, I hope what death and everything coming after him will never end. Eternal like an old stone that never stopps telling its story – even if he is covered by dust and dirt.

Maybe it brings a change of consciousness if you experience a big loss. Maybe it changes your point of view – about death. Maybe you respect it differently. In my eyes respect for death is connected to respect for life. People who know how quickly death can put an end on life act differently. They want to use every day… by freeing the past from shadows – like freeing an old grave from dust and dirt – or by helping someone to find a way into his future. I think caring for past and future are not mutually exclusive. To focus on your future doesn’t mean to forget your past – no matter if it is your past or the past of someone else.

Whitsun I am remembering many people who joined my path but left too early. People like them need others to protect their memories and take care of their graves. They were companions, mentors, friends and family and they passed away around Whitsun. I am looking back, remembering our common (his)story and I come to the conclusion that there is no better memorial than living a life, they can be pround about; to walk upright and tell my story – our story – no matter what will happen. … No matter if people don’t see me because I am too well hidden behind the dust and dirt of my past.

And so I am wishing you a blessed Whitsun! May you find a way to be a great memorial for those who can’t be it anymore.

Sincerely

the wingscriber pls sig