Quasimodogeniti

by MaryCronos

Am Sonntag durfte ich in meiner Heimatgemeinde Hönow predigen. Für alle, die gern wissen wollen, was ich zu sagen hatte, hier meine Predigt. Sie entstand im Rahmen einer meiner Examensarbeiten und ich bin froh, sie so nicht nur für eine Note, sondern auch für Menschen geschrieben zu haben.

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„Friede sei mit Euch!“

Die Osterfeiertage liegen gerade hinter uns. Wir haben alle mehr oder weniger intensiv die Karwoche und die gesamte Passionszeit erlebt; haben verschiedene Herausforderungen zu verkraften und Prüfungen zu bestehen gehabt. Vielleicht gab es auch gute Nachrichten und Gründe zum Jubeln. Einen auf jeden Fall am vergangenen Sonntag: Das Osterfest, die Auferstehung Christi. Wir haben gefeiert und bei all dem gewusst, dass „die ganze Geschichte“ rund 2000 Jahre her ist.

Das macht es für uns einfacher und schwerer zugleich.

2000 Jahre. Und wir werden jedes Jahr aufs neue daran erinnert: Der Weg nach Jerusalem, der Verrat, die Verurteilung und Kreuzigung und letztlich das große Wunder, das Happy End der Wiederauferstehung. Das ist es, was es für uns einfacher macht. Wir kennen das Ende – und wir haben den räumlichen Abstand, die emotionale Distanz.

Jesu Jünger hatten diesen Luxus nicht. Sie kannten das Ende nicht. Dafür kannten sie ihren Freund und Lehrer Jesus umso besser. Mit Sicherheit hatten sie andere Pläne – mit ihm an ihrer Seite.

Seine Weisheit und seine Wundertaten hatten die Jünger einst angezogen und seine Wortgewandtheit und sein Charisma hielten sie bei ihm. Sie waren fest davon überzeugt: Dieser Mann wird etwas ändern. Dieser Mann wird alles gut werden lassen.

Und dann der Schlag ins Gesicht. Der Stich in die Seifenblase. Blackout. Jesus wird zum Tod am Kreuz verurteilt. Der Verräter stammt aus den eigenen Reihen. Und niemand – weder Gott noch Mensch noch Engel – erscheint, um ihn vor seinem qualvollen Ende zu bewahren. Den Jüngern bleibt nichts anderes übrig, als fassungslos und machtlos zuzusehen, wie der stirbt, an den sie alle so fest geglaubt hatten, für den sie alles aufgegeben hatten. Sie sind unmittelbar dabei und doch ohnmächtig ihm zu helfen. Im Gegenteil: Sie müssen sogar um ihr eigenes Leben fürchten und sich verstecken.

Angst, Misstrauen und Zweifel kriechen ihnen in die Knochen. Wem konnten sie noch trauen? Und hatten sie sich wirklich so in Jesus getäuscht? War alles nur ein fauler Zauber gewesen? Ein Schwindel? Aber sie waren doch selbst dabei gewesen… bei all den Wundern, den großen Taten und Worten. Und doch scheint nun alles vorbei zu sein. Draußen auf den Straßen Jerusalems werden sie angestarrt wie Aussätzige. Man meidet oder beschimpft sie und nicht wenige wollen auch die Jünger tot sehen.

Und dann ist da plötzlich dieses Gerücht, das sie kaum glauben können: Das Grab sei leer und eine der Frauen – Maria aus Magdala – habe ihn gesehen, ja, sogar mit ihm gesprochen!

Jesus! Am Leben! Unglaublich. Kann das stimmen? Ist er wirklich wieder da oder sind das nur die Wunschträume einer trauernden Frau? Ängstlich und verwirrt versammeln sich die verbliebenen Jünger. Sie verschließen die Türen und starren einander schweigend an. Thomas fehlt. Die anderen befürchten das Schlimmste. Vielleicht ist er den Anfeindungen ihrer Gegner zum Opfer gefallen.

„Friede sei mit Euch!“

Diese Stimme! Sie kennen diese Stimme! Auf einmal sehen sie ihn alle direkt vor sich – in ihrer Mitte: Mit Malen an seinen Händen und einer Wunde in der Seite, aber offenbar frei von Leid und Schmerzen: Jesus strahlt sie an mit seinen warmen Augen. Geduldig. Mit diesem gütigen Lächeln, das sie alle so an ihm lieben.

Ein paar sinken zu Boden, anderen halten einander fest, um weiter stehen zu können. Sie sehen, aber sie können kaum fassen, was sie sehen. Er sieht, wie erschrocken sie sind, beruhigt sie, spricht mit angenehmer Stimme. Er erfüllt sie mit dem Heiligen Geist, sagt ihnen Vollmacht zu und will ihnen Sicherheit geben. Sie sind kaum in der Lage, alles zu erfassen, aber allein seine Anwesenheit macht ihnen Mut. Und dann glauben sie wieder und mehr denn je daran: Dieser Mann wird etwas ändern. Dieser Mann wird alles gut werden lassen.

Als sie wieder allein sind, wagt niemand auch nur zu flüstern. Und keiner will die Fragen aussprechen, die ihnen allen durch den Kopf schwirren:

Habt ihr ihn auch gesehen?

Habt ihr ihn gehört?

Er war doch wirklich hier – oder?

Dann öffnet sich die Tür und alle starren gebannt auf den Neuankömmling. Diesmal nicht Jesus, der Herr. Diesmal Thomas, der Zwilling. Thomas, um den sie sich vorhin noch Sorgen gemacht hatten. Thomas, der gleich sieht, dass etwas nicht stimmt. Er setzt gerade an zu fragen, doch noch bevor die erste Silbe seine Lippen verlässt, platzt es aus seinen Freunden heraus: Er ist wieder da! Er lebt! Es stimmt! Der Herr ist auferstanden! Alle rufen durcheinander und von Tränen glasige Augen starren ihm aus blassen Gesichtern entgegen. Ein Funkeln liegt in ihnen.

Und an dieser Stelle muss ich für Thomas eine Lanze brechen. Nach all der Angst, der Enttäuschung und Einsamkeit, nach all den Zweifeln und der Trauer… wer hätte da sofort gerufen „Klasse! Na endlich! Hab ich doch gleich gewusst!“?

Thomas jedenfalls nicht.

Er verbucht den Ausbruch seiner Freunde als Stimmen der Verzweiflung – oder des Weins. Bestenfalls noch als schlechten Scherz.

Mehr als eine Woche vergeht, bevor Thomas eines Besseren belehrt wird. Eine Woche, in der die anderen Jünger immer wieder auf ihn einreden und währenddessen einige selbst wieder anfangen zu zweifeln. Und dann passiert es – wieder. Die Türen sind wie zuvor fest verschlossen, aber plötzlich ist er da. Jesus steht in der Mitte des Raums und diesmal ist Thomas auch dabei. Er steht sogar direkt vor ihm. Thomas Herz setzt für einen Sekundenbruchteil aus und beginnt dann zu rasen.

Sie hatten Recht.

Sie hatten alle Recht gehabt!

Jesu Friedensgruß hört er nur halb. Auch seine ausgestreckten Arme und die Hände, die nach seinen greifen, nimmt er kaum war. Hat er ihn doch schon längst erkannt.

„Mein Herr und mein Gott“, flüstert er ehrfürchtig. Endlich kann auch er von ganzem Herzen glauben. Die Zeit des Zweifelns ist vorbei.

Das ist es, was für uns heute einfacher ist: Wir haben nicht die Tage des Bangens und Zweifelns, diese gefühlte Ewigkeit, die die Jünger vor den vermeintlichen Scherben ihres Glaubens und ihrer Zukunft standen. Wir kennen das Happy End. Seit 2000 Jahren. Damit haben wir es doch einfacher – oder?

Das macht es aber eben auch schwerer! Diese verfluchten 2000 Jahre Abstand, das Nicht live dabei gewesen Sein. Die Distanz. Nicht nur Thomas, sondern alle Jünger haben diesen Moment gebraucht, in dem Jesus vor ihnen stand und direkt zu ihnen sprach. Ohne diesen Moment gäbe es heute wahrscheinlich gar kein Christentum.

Und wir? Wir haben Jesus nicht gehört oder gar gesehen. Wir konnten unsere Finger nicht in seine Male und unsere Hände an seine Seite legen. Dafür haben wir unsere eigenen Sorgen und Ängste, die uns bangen und zweifeln lassen – wann immer wir uns unseren Mitmenschen zuwenden oder uns selbst oder Nachrichten schauen. Da kann man Jesus leicht aus den Augen verlieren, an seiner Leibhaftigkeit zweifeln.

„Selig sind, die mich nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus. Und vielleicht meint er damit gar nicht die anderen Jünger, die ja auch sehen konnten, um zu glauben. Vielleicht meint er uns. Vielleicht meint er all jene, die auf die Worte der Apostel und Evangelisten, der Pfarrer und Prediger angewiesen sind.

Und vielleicht ließ dieser Blick zurück ein besonderes, persönliches Bild des Herrn in unseren Herzen entstehen. Ein Bild, das auf kein Foto passt und uns doch das Gefühl gibt, wie Thomas eine Woche nach Ostern dabei gewesen zu sein. Ein unsichtbares Bild, das uns ohne mit den Augen zu sehen heute von Neuem glauben lässt.

Dann gilt Jesu Gruß auch uns: „Friede sei mit Euch.“

the wingscriber pls sig